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12.07.2011 23:12    Kommentare: 0    Kategorien: Erfahrungsbericht      Stichwörter: erfahrungsbericht  

1. Ursprung, 1.1. Lebenstraum

Ich bin Psychologin. Spezialisierte mich als Neurowissenschaftlerin. War danach bei einem Lebensmittelhändler. In der EDV-Abteilung. Und bin heute IT-Consulant bei Cassini Consulting (www.cassini.de). Ist das für Sie verwunderlich? Zugegeben, für mich manchmal auch, aber das ist mein neues Leben und ich habe mich mittlerweile gut eingerichtet. Die Betonung liegt auf „mittlerweile“, denn mein Lebenstraum war es nicht.

Wie hatte ich mir meine Zukunft vorher vorgestellt? Nun, als ich zwölf Jahre war, gab es ein Schlüsselerlebnis, das mich dazu geführt habe, unbedingt wissen zu wollen, warum das Gehirn wie funktioniert. Eines Tages war ich auf dem Weg zur Schule und traf auf eine Frau, die hilflos und erstarrt am Zebrastreifen stand und nicht von sich aus weitergehen konnte. Sie reagierte überhaupt nicht auf mein Ansprechen und wirkte in ihrem Morgenmantel im Straßenbild so deplatziert, dass jede Zwölfjährige sehen konnte, dass sie nicht gesund war. Zugegeben, nicht jede Zwölfjährige reagiert so, wie ich es damals tat: Ich habe zu dieser Zeit die Bücher von Oliver Sacks verschlungen, und in seinem Buch „Zeit der Erwachens“ schilderte er Krankengeschichten über Patienten mit „Encephalitis lethargica“, einer seltsamen Nervenkrankheit, in der die Botenstoffe im Gehirn im Ungleichgewicht sind. Diese Patienten zeigen in manchen Momenten eine Erstarrung, die der der Frau am Zebrastreifen ähnelte. Ich erinnerte mich daran, was Oliver Sacks schilderte, um die Patienten kurzzeitig wieder zu „erwecken“. Ich war sehr aufgeregt, dass ich meine erste „Verdachtsdiagnose“ gestellt hatte und einem „Patienten“ vielleicht helfen konnte. Ich dachte damals, was hast Du zu verlieren – schlimmer als die Erstarrung kann es schon nicht werden für die Frau am Zebrastreifen, bis vielleicht ein echter Arzt kommen würde. Ich tippte sie leicht unter ihrem in Laufrichtung angewinkelten Ellbogen an, und sofort tippelte sie mit kleinen ungelenken Schritten aber selbstständig über die Straße. In meiner kindlichen Euphorie über meine erfolgreiche Diagnose, bin ich ihr leider nicht weiter gefolgt nach der Episode. Ich hoffe heute, dass sie in Behandlung ist und dass es ihr gut geht.

Nach diesem Schlüsselerlebnis jedenfalls kam ich zu spät zum Unterricht und hatte ein irgendwie komisches Gefühl. Religiöse Menschen hätten dieses Gefühl in meinem Bauch wohl als „Berufung“ bezeichnet. Ich hatte das Gefühl, so etwas in der Richtung musste ich machen. Ich bin mir vollkommen darüber bewusst, dass ein solches Schlüsselerlebnis nicht von allen Menschen erlebt wird und vielleicht auch nicht gerade mit zwölf Jahren. Wenn ich allerdings bedenke, was dieses Schlüsselerlebnis ausgelöst hat, glaube ich manchmal, dass Menschen, die kein Schlüsselerlebnis erfahren haben, weniger gehetzt und damit zufriedener durch das Leben gehen. Aber meistens schätze ich mich sehr glücklich, dass ich manche Erlebnisse als Schlüsselerlebnisse erkenne.

 

Das nächste Kapitel ist: 1 Ursprung, 1.2 Realität

 
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