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28.02.2012 00:02    Kommentare: 0    Kategorien: Erfahrungsbericht      Stichwörter: emotion 2012  

http://www.emotion.de/de/_fraueninitiative2012/detail.aspx?id=47

 

Ursula Muth, 92

Ich nominiere meine angeheiratete Großtante Ursula Muth als Stellvertreterin der Familien Zeidler, Muth und Malitz in der Kategorie Family-Business, da sie mit ihren fast 93 Jahren (geb. 01.04.1920 Berlin) heute immer noch quietschfidel von ihren Erlebnissen als erfolgreiche Geschäftsinhaberin erzählen kann:

Das Family-Business „Farbenhaus Friedrich Zeidler“ in Berlin war 57 Jahre der Arbeits- und Lebensmittelpunkt für drei Generationen und acht Familienmitglieder in der Zeit vor, während und nach dem 2. Weltkrieg.

 

Ich bin demütig und voller Respekt, wenn ich mir vorstelle, wie schwer die Umstände gewesen sein müssen, die die Familie aber nicht davon abhielten, das Geschäft so lange erfolgreich zu halten. Das Besondere an diesem Family-Business ist, dass jeder der acht Familienmitglieder seine bzw. ihre besondere Aufgabe hatte und Frauen hier auch schon emanzipiert waren.

Meilensteine des Farbenhauses:

04.03.1936: Das Farbenhaus Friedrich Zeidler, welches auf alles rund um Farben, Lacke und Tapeten spezialisiert war, wurde von Friedrich Zeidler in Berlin gegründet. Ehefrau Anna Zeidler half bei den Büroarbeiten aus.

Beginn des 2. Weltkrieges 1939: Anna behauptete sich gegen viele Widrigkeiten und führte erfolgreich allein das Geschäft, weil Friedrich in den Volkssturm eingezogen wurde.

1945: Ursula Muth, Tochter von Friedrich und Anna Zeidler, arbeitete nach erfolgreicher Lehre, im Geschäft mit und lieferte mit ihrem LKW-Führerschein die Waren aus.

1949: Hans Muth, Ursula‘s Ehemann, kehrte aus fünfjähriger russischer Gefangenschaft heim und arbeitete als gelernter Kaufmann im Farbenhaus.

1959: Barbara Malitz, geb. Muth, Enkelin von Friedrich und Anna Zeidler, Tochter von Ursula und Hans Muth, schloss ihre kaufmännische Lehre ab und arbeite auch im Familienbetrieb, der durch eine lustige Kinoreklame in Berlin florierte.

1961: die Gründer übergaben ihr Farbenhaus glücklich und zufrieden an die nächste Familiengeneration.

1964: Eckart Malitz, Ehemann von Barbara, arbeitete tatkräftig mit. Evelin Suwito, geb. Muth, kontrollierte als Buchhalterin im Familienbetrieb, und ihr Ehemann Dr. Bing Tik Suwito half bei der Warenauslieferung mit und die Geschäftsräume würden vergrößert.

1983: das Farbenhaus wurde wiederum an die nächste Familiengeneration, Barbara und Eckart Malitz, weitergegeben.

1993: Wirtschaftlich dramatisch wurde die Lage, als die Preisbindung für Tapeten einige Jahr zuvor aufgehoben wurde, so dass der Familienbetrieb letztendlich die Türen endgültig schließen musste.

Nun ein paar Worte zu Ursula Muth als Person:

Es ist mir eine Herzensangelegenheit und erfüllt mich mit Freude, meine „Tante Uschi“ als Lebens-Vorbild für viele Frauen bei der EMOTION-Initiative „Frauen für die Zukunft 2012“ zu nominieren. Meine für immer jung gebliebene und absolut auf der Höhe der Zeit fliegende „Tante Uschi“ ist eigentlich nicht meine „Tante“. Sie ist die Mutter meiner deutschen angeheirateten Tante, die meinen indonesischen Onkel geheiratet hat. Aber sie ist so ein Unikat unter meiner gesamten deutsch-indonesischen Verwandtschaft, dass wir alle, ob groß oder klein, „Tante Uschi“ zu ihr sagen. Ich bin sehr stolz darauf, sie als meine „Tante Uschi“ zu haben.

Es gibt so viele Dinge über sie zu sagen, dass mir die Auswahl schwerfällt. Das Meiste hat meine nun zweiundneunzigjährige „Tante Uschi“ selbst in ihrer bewegten und packenden Lebensgeschichte beschrieben. Seit Jahren ist dies ihr Mammutprojekt, welches sie mit Hingabe akribisch und voller Elan zielorientiert vorantreibt. Allein für die Projektdurchführung ist sie ein leuchtendes Bespiel für alle Jüngeren. Sie behandelt zeitlich die Vorkriegsjahre, den Krieg und den Wiederaufbau und inhaltlich die Erlebnisse einer Berliner Familie, die der Liebe wegen nach Schleswig-Holstein umgezogen ist. Dafür hat sie alte Briefe und Fotos herausgesucht und in ihrer Erinnerung gekramt. Jugenderinnerung? Über so viele Jahre hinweg? Mit über neunzig Jahren? Da sage ich berlinerisch astrein JAWOLL! Ich darf als Psychologin voller Stolz und zu Recht sagen, dass „Tante Uschi“ mit ihren damalig neunzig Jahren meine zweitälteste Versuchsperson war in meiner Gedächtnisforschung. Ihre Gedächtnisleistung als solche gilt als die einer „high-performer“(Hochleistende). Allerdings waren die Vergleichsdaten die von wesentlichen Jüngeren, so darf ich sie mit Recht als „super-high-performer“ (Superhochleistende) bezeichnen.

Tante Uschi ist auch in anderen Dingen auf der Höhe ihrer Zeit: Sie benutzt für ihre schriftstellerische Tätigkeit und Freizeit selbständig einen PC und ein Laptop, mit denen sie munter im Internet surft, und per ICQ und Skype mit ihren Enkeln quatscht. Ich kenne sehr viele jüngere Menschen in ihrer Lebensmitte, die das nicht selbständig machen können und auch nicht mehr lernen wollen. „Wollen“ ist überhaupt ein Begriff. „Tante Uschi“ wollte sich nie gehen lassen und sieht immer top aus. Sie wollte sich auch nicht durch Schicksalsschläge unterkriegen lassen und ist immer, wirklich immer, aufgestanden und hat wahre Widerstandsfähigkeit gezeigt (mehr dazu schreibt sie selbst in ihrem Buch). Dafür bewundere ich sie, denn ich weiß, dass sich ihr wahrer Jungbrunnen aus dieser Widerstandsfähigkeit und ihrer Freude am lebenslangen Lernen speist: sie hat in ihren 80ern Computer- und Englischkurse erfolgreich besucht, erlebte und lernte gerne fremde Länder kennen auf ihren zahlreichen Reisen, und tüftelt heute gerne Sudokurätsel aus. Kurz, sie ist geistig so rege, wie man nur sein kann, wenn man nie geistig abbauen will.

Ich zitiere zum Abschluss Velma Wallis, weil ihre Worte es besser ausdrücken können als meine eigenen: „Geschichten sind Geschenke älterer Menschen an junge. Leider werden derlei Gaben heute sehr viel seltener verschenkt und empfangen, da ein Großteil unserer Jugend mit Fernsehen beschäftigt ist und atemlos versucht, mit dem modernen Leben Schritt zu halten. Doch vielleicht werden ja morgen einige wenige aus der heutigen Generation, die noch für die Weisheit der Alten empfänglich sind, jene von Mund zu Mund überlieferten Geschichten in ihrem Gedächtnis bewahren. Und vielleicht wird die Generation von morgen wieder begierig nach Geschichten wie dieser sein und so die eigene Vergangenheit, das eigene Volk und, wie ich hoffe, auch sich selbst besser begreifen lernen.“

Vorgestellt von Eleonore Dr. Soei-Winkels

 
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